| Kapitel 1 |
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Mit uns in die Geschichte reisen. Teresa „Tess“ Novel fühlte sich magisch angezogen von diesem Slogan, der dort über den Bildschirm flackerte. Kontaktieren Sie uns unter www.histravel.unit oder per Direktdialing 624-97334. Neugierig geworden, gab sie ihrem Computer die Adresse in Auftrag, um nur Bruchteile von Sekunden später die Information zu erhalten, die ihr Leben verändern würde.
Sie haben Geschichte studiert? Sie reisen gern? Sie sind an fremden und alten Kulturen interessiert? Sie können gut mit Menschen umgehen? Sie möchten Geschichte live erleben? Dann bewerben Sie sich noch heute! Als weltweit einziges Unternehmen bietet Histravel Touristenreisen in die Vergangenheit an. Und wir suchen Sie als kompetente Reiseleiter! Zögern Sie nicht – bewerben Sie sich jetzt. Nur ein Wort trennt Sie von DEM Abenteuer ihres Lebens. Einzigartige Erfahrungen und überdurchschnittliche Bezahlung erwarten genau SIE! Wenn Sie diesem Angebot nicht widerstehen können, dann sprechen sie es jetzt aus: „Bewerbung“. Bevor sie auch nur darüber nachdenken konnte, hatte Tess das Wort laut und deutlich ausgesprochen. Unmittelbar danach erschien das Gesicht eines Mannes auf dem großen Bildschirm. „Willkommen bei Histravel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Darf ich zunächst um Ihre Personalien bitten? Bitte sprechen Sie langsam und deutlich!“ „Teresa Novel, geboren am 24. August 2095 in Chicago.“ „Familienstand?“ „Unverheiratet“ „Wohnhaft?“ „München“ „Eltern?“ „Mein Vater stammt aus Amerika. Er ist Historikprofessor am Institute for Virtual Studies. Meine Mutter stammt aus Spanien. Sie arbeitet als Richterin am Weltgerichtshof für Raumfahrtrecht.“ „Ausbildung?“ „Ich habe Geschichte studiert. Am Institute for Virtual Studies. Schwerpunkte Ethnologie und Europäische Geschichte“ „Berufserfahrung?“ An dieser Stelle zuckte Tess zusammen. Berufserfahrung hatte die 29-Jährige noch nicht. Sie hatte ihr Studium ja gerade erst abgeschlossen. „Keine“, gab sie unsicher zurück. „Aber, aber“ antwortete ihr Gegenüber und ein Lächeln umspielte die Lippen ihres Gesprächspartners. „Das ist doch kein Grund zur Nervosität. Um offen zu sein, hier hat auch noch niemand Erfahrung mit Zeitreisen. – Warum haben Sie ausgerechnet Geschichte studiert?“ „Mein Vater hat sehr früh mein Interesse dafür geweckt und ich bin schlichtweg fasziniert von der Vergangenheit unseres Planeten.“ „Junge Dame“, hob der Mann auf dem Bildschirm an, „das sind doch keine schlechten Voraussetzungen für einen Einsatz als Reiseleiterin bei Histravel. Könnten Sie sich vorstellen, eine Gruppe von Reisenden in die Vergangenheit zu begleiten?“ „Natürlich kann ich das“, antwortete Tess im Brustton der Überzeugung und hoffte dabei inständig, dass sie die Unsicherheit, die ihr gerade ein unangenehmes Kribbeln im Magen verursachte, ausreichend überspielte. „Gut! Wir werden Ihre Bewerbung prüfen und uns gegebenenfalls mit Ihnen in Verbindung setzen.“ Bevor Tess die Chance einer Erwiderung hatte, wurde die Verbindung geschlossen und der Bildschirm zeigte nur noch das Histravel-Logo. Ich fasse es nicht. Ich habe mich gerade um eine Stelle beworben. Sie wollen meine Bewerbung prüfen. Reiseleiterin, kann ich das? Reisen in die Vergangenheit, ist das nicht völlig verrückt? Liebe Zeit, was habe ich da bloß angeleiert? Tausend Gedanken schossen durch ihren Kopf. Erst jetzt wurde Tess bewusst, was sie da getan hatte. Miauend strich Fanny, Tess‘ rot-weiße Hauskatze, ihr um die Beine. Dankbar für diese Ablenkung, beugte sich Tess zu ihr hinab. „Na, meine Kleine. Du hast Hunger, nicht wahr? Wollen wir mal schauen, was wir Feines für dich haben.“ Mit aufgerichtetem Schwanz folgte Fanny ihrer Herrin in die kleine Küche und wartete geduldig, bis Tess ihr ein Schälchen mit duftendem Fleisch auf den Fußboden stellte. „Und was machen wir mit dir, wenn Frauchen auf Zeitreise geht?“ Gute Frage, das hättest du dir ein bisschen früher überlegen sollen. Naja, vielleicht nehmen sie dich ja gar nicht. Auf dieses Angebot werden sicher viele Leute anspringen. Warum solltest ausgerechnet du ausgewählt werden? Schon hatten die wohlbekannten Selbstzweifel sie wieder eingeholt. Tess öffnete den Kühlschrank, schenkte Gemüsesaft in ein hohes Glas und zog sich in ihr Wohnzimmer zurück. Ihr Appartement lag im Erdgeschoss eines alten Mehrfamilienhauses, mitten im alten Stadtkern. Tess liebte die Atmosphäre dieser alten Gebäude. Sicher, auf die eine oder andere moderne Errungenschaft musste sie verzichten, aber Tess hatte sich ja bewusst für eine Wohnung in der Münchner Altstadt entschieden. Die Pilzbauten, die rund um die historische Stadt entstanden waren, besaßen einfach kein Flair. Eine freundliche Computer-Stimme erklang: „Jeanny“ wünscht Sie zu sprechen. Möchten Sie das Gespräch annehmen?“ „Ja!“ Der akustische Befehl reichte aus, um das Gesicht ihrer Freundin auf dem Bildschirm erscheinen zu lassen. „Hi Süße, wie geht’s Dir? Was machst Du so? Ich habe ja schon ewig nichts von dir gehört“, sprudelte Jeanny los. „ „Jeanny, ich glaube, ich habe eine Dummheit gemacht. Ich habe mich als Reiseleiterin beworben!“ „Was ist daran dumm? Du liebst es doch, zu reisen – und so kannst du damit auch noch Geld verdienen. Das ist doch genial!“ „Lass mich doch mal ausreden! Klar reise ich gern, aber in die Vergangenheit reisen, ist schon etwas Anderes.“ „In die Vergangenheit? Ich glaube, ich verstehe nicht. Süße, erklär mir das bitte!“, säuselte Jeanny in ihrer nervtötend kindlichen Art. „Was gibt es daran zu verstehen? Wenn sie mich einstellen, muss ich Reisegruppen in die Vergangenheit begleiten. Du hast doch schon von Zeitreisen gehört, oder?“ „Sicher, natürlich habe ich davon gehört. Aber ich habe noch nie von Reisegruppen gehört, die auf Zeitreise gehen.“ „Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist das ein ganz neues Angebot. Die Firma heißt ‚Histravel‘. Ich glaube, ich wäre so etwas wie eine Pionierin.“ „Na, das ist doch was für deiner Mutter Tochter! Da drück ich dir aber mal ganz doll die Daumen! Süße, ich muss leider schon wieder Schluss machen. Mariella schreit. Ich sage Dir, schaff dir bloß nie Kinder an! Du kommst einfach zu Nichts. – Also, meine Kleine, pass auf dich auf, und sag mir ja Bescheid, wenn du die Stelle hast!“ „Sicher mache ich das. Gib der Kleinen einen Kuss von mir. Bis bald!“ Die Computerstimme fragte: „Wollen Sie das Gespräch beenden?“ |