| Kapitel 4 |
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Er fand Tess in Seminarraum. Teddy blieb einen Moment in der Tür stehen und unterzog sie einer genauen Betrachtung. Klein und zierlich, schwarzes, lockiges Haar, das ihm das Wort „ungebändigt“ in die Hirnwindungen zwang – offenbar von ebenso unbändiger Energie und eisernem Willen. Die Kleine war mit den Vorbereitungen für ihr erstes Seminar beschäftigt und Teddy hatte keinen Zweifel daran, dass sie einen perfekten Job machen würde. „Wo reisen wir denn nun eigentlich hin? Southampton 1912 hat der Alte gesagt, aber das sagt mir überhaupt nichts.“ Tess wandte sich um. Offenbar hatte sie gar nicht bemerkt, dass sie nicht mehr allein im Raum war. Während sie in einem Berg von Unterlagen blätterte, antwortete sie beinahe beiläufig: „Großbritannien. Southampton war der Heimathafen der „Titanic“. Schon mal davon gehört?“ „Äh, natürlich habe ich davon gehört.“ antwortete Teddy und natürlich hatte er noch nie davon gehört. „Die Titanic war zu ihrer Zeit das größte Schiff der Welt. Sie galt als unsinkbar. Auf ihrer Jungfernfahrt lief sie auf einen Eisberg auf und sank. Rund 1500 Menschen kamen ums Leben.“ Wieder was dazu gelernt, dachte Teddy und versuchte, sein Unwissen zu verbergen. „Was zum Teufel haben dann wir dabei zu suchen? Sollen wir den Eisberg wegschmelzen oder was?“ „Mr. Quint, es ist ein ungeschriebenes Gesetz, sozusagen ein Ehrenkodex all derer, die jemals mit Zeitreisen zu tun hatten: Die Vergangenheit darf nie und unter keinen Umständen durch einen Zeitreisenden verändert werden. Das bedeutet, die Titanic wird sinken und wir werden es nicht verhindern.“ „Verdammt noch mal. Ich kapiere immer noch nicht, was wir dabei zu suchen haben.“ „Histravel hat im Vorfeld weltweite Umfragen gestartet. ‚Welche Ereignisse in der Geschichte würden Sie miterleben wollen, wenn Sie die Chance dazu hätten?‘ Über dreißig Prozent der Teilnehmer stimmten für den Untergang der Titanic. Ein Zeichen für die Dekadenz unserer Gesellschaft, wenn Sie mich fragen.“ „Wir werden also mit der Titanic reisen um ihren Untergang mitzuerleben und wir werden nicht versuchen, den Tod von über tausend Menschen zu verhindern? Ist das nicht wirklich krank? Und was ist mit uns? Gehen wir etwa auch unter? Davon hat der Boss wohl extra nichts erwähnt.“ „Wir werden rechtzeitig zurück kehren – sofern Sie einen anständigen Job machen und das ER – Gerät ordnungsgemäß funktioniert.“ „Und was ist mit der Sprache? Die Leute damals haben doch ganz sicher anders gesprochen, als wir es heute tun.“ „Wir werden einen Hypnose-Intensivkurs bekommen. Sie haben bestimmt schon darüber gelesen.“„Ja, natürlich. Die Leute halten sich heute nicht mehr damit auf, eine Sprache Wort für Wort zu erlernen. Sie legen sich einfach auf eine Couch und lassen sich von irgendwelchen Soundkristallen vollsäuseln. Und schwupps, sprechen sie eine Fremdsprache. Und wie sieht es mit Geld aus und mit Klamotten?“ „Jeder Mitreisende hat die Möglichkeit, englische Pfund zu erwerben. Je mehr, desto besser, würde ich mal sagen. Histravel hat voraus gedacht. Eine eigene Schneiderei stellt zeitgenössische Kleidung her. Die Bekleidung für unsere Reise ist bereits fertig gestellt und die Kleidung für das nächste Projekt schon in Arbeit.“ „Verdammt! Dann wollen die uns noch auf weitere Reisen schicken? Ich dachte, das wäre eine einmalige Angelegenheit.“ „Mr. Quint, sind Sie wirklich so naiv, wie Sie sich geben? Histravel ist im Begriff, einen Durchbruch in der Geschichte des Reisens zu machen. Glauben Sie denn ernsthaft, mit einer Reise ist alles zu Ende? Nein, mein Lieber, das ist erst der Anfang. Allerdings muss ich gestehen, dass man mich über die weiteren Ziele bisher auch noch nicht informiert hat. Vermutlich soll ich mich jetzt erst einmal voll und ganz auf die „Titanic“ konzentrieren – und genau das habe ich vor!“ Die Kleine kann ja richtig energisch werden, dachte Teddy und beschloss insgeheim, auf der Hut zu sein. Er wollte es sich nicht schon vor der Reise mit Tess verderben. |