| Kapitel 5 |
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Fast majestätisch lag das große gläserne Histravel-Gebäude in der gleißenden Sonne. Die Hitze war heute wieder unerträglich und Cindy kam sich reichlich albern vor in ihrem "vorsintflutlichen" Outfit. Langes, hoch geschlossenes Kleid, darunter ein eng geschnürtes Korsett, ihr langes blondes Haar zu einer kunstvollen Frisur zusammen gesteckt. Auf Make-up hatte sie weitgehend verzichtet, nur einen Hauch von Lippenstift hatte sie sich gegönnt. Ihre sonst in leuchtenden Farben lackierten langen Fingernägel trug sie kurz und in Form gefeilt. Cindy hatte sich so zurecht gemacht, wie die Frauen auf den Bildern, die ihnen Tess während des Einführungsseminars gezeigt hatte. Gut, dass mein Boss mich nicht so sieht, dachte Cindy, aber der würde mich vielleicht in diesem Aufzug gar nicht wieder erkennen. Cindy war eine Frau, die es gewohnt war, Blicke - besonders begehrliche Blicke männlicher Zeitgenossen - auf sich zu ziehen. Während sie dem Eingang des Gebäudes zustrebte, einen Koffer in jeder Hand, spürte sie deutlich, dass sie auch jetzt wieder Aufmerksamkeit erregte, aber diesmal lag das wohl mehr an ihrer ausgefallenen Erscheinung. Ihre Attraktivität blieb, ihrer Meinung nach, in dieser "Montur" verborgen. Von den Einführungsseminaren kannte Cindy das Gebäude schon recht gut. Zielstrebig ging sie auf die Rolltreppe zu, die sie in die Kelleretage und damit in den Labortrakt bringen würde. Als sie den kleinen Empfangssaal betrat, der dem Time-Transfer-Labor vorgelagert war, fühlte Cindy Erleichterung in sich aufsteigen. Die anderen Mitreisenden sahen genauso lächerlich aus, wie sie selbst. Der ältere Herr, der im Seminar gleich neben ihr gesessen hatte, trug einen mausgrauen Anzug, darunter ein weißes Hemd mit gestärktem Kragen und eine Weste, die am Bauch spannte, wie Cindy mit einem Blick fest gestellt hatte. Ein sogenannter Hut zierte seinen Kopf und ließ ihn richtig "antik" aussehen. Die beiden Studenten ließen es ein wenig lockerer angehen. Der junge Mann trug eine helle Hose aus grobem Stoff, darüber ein Hemd, dessen Ärmel er lässig bis zu den Ellbogen aufgerollt hatte. Unter dem Kragen schaute ein blaues Tuch heraus und auf dem Kopf trug er eine Mütze, die seiner ganzen Erscheinung ein pfiffiges Aussehen verlieh. Niedliches Kerlchen, dachte Cindy, aber noch so verdammt jung. Die Freundin des Jungen stellte für sie jedenfalls keine Konkurrenz dar, stellte Cindy zufrieden fest. Die Kleine fiel eindeutig in die Kategorie "graue Maus" und war keines weiteren Blickes würdig. Auch diese Mrs. Stankowicz, die, wie Cindy aus dem Seminar wusste, als Geschäftsführerin von Histravel an der Reise teilnahm, war nicht das, was man als eine Schönheit bezeichnen würde. Viel zu blass, viel zu dünn, schlecht frisiert und unvorteilhaft gekleidet. In wenigen Sekunden hatte Cindy ihr Urteil gefällt. Offenbar hatte man nur noch auf Cindys Erscheinen gewartet, denn kaum hatte sie sich zu der Gruppe gesellt, begann Tess mit der Begrüßung. "Herzlich Willkommen bei Histravel. Wir, das heißt mein Kollege, Mr. Quint und ich, freuen uns, Sie zu unserer Reise in die Geschichte begrüßen zu können." Verflixt, diese Jahrhundertwende-Kleidung ist ja wie für die Kleine gemacht. Ich wette, diese Tess weiß gar nicht, wie gut sie darin aussieht. Und dann noch dieses strahlende Lächeln! Herablassend und ohne die Andeutung eines Lächelns erwiderte Cindy die Begrüßung. Langsam wuchs auch bei ihr die Anspannung. Würde bei dieser Reise wirklich alles gut gehen? Eine Reise in die Vergangenheit und dann auch noch zu einer Katastrophe war schließlich etwas anderes als ein Ausflug an einen Strand auf den Bahamas. "Auch ich freue mich, Sie im Namen von Histravel hier begrüßen zu dürfen." Eine tiefe, sonore Stimme zog Cindys Aufmerksamkeit auf sich. Geradezu schamlos nahm sie den Sprecher in Augenschein. Blaue Augen, blondes, kurz geschorenes Haar, groß und - wie es schien - muskulös. Ein Traummann! Herrjeh, lass ihn dieser Mr. Quint sein. "Ich werde auf dieser Reise für Ihre Sicherheit verantwortlich sein. Er IST dieser Mr. Quint! Hierzu möchte ich noch einmal auf die Statuten hinweisen, die Ihnen bei Abschluss des Reisevertrages ausgehändigt wurden. Es ist unerlässlich, falsch, es ist lebenswichtig, dass Sie sich an jede einzelne dieser Regeln halten. Nur wenn Sie die Regeln befolgen, können wir Ihre Sicherheit gewährleisten!" Dieser Mr. Quint wirkte ein wenig brummig. Diese Reise schien nicht wirklich die Erfüllung seiner Träume zu sein. Wer weiß, vielleicht kann ich ihm ja ein paar Träume erfüllen, dachte Cindy und zum ersten Mal, seit sie heute ihre Wohnung verlassen hatte, lächelte sie. |