Kapitel 7

Aus John Stewarts Tagebuch
Southampton, 10. April 1912

Endlich an Bord der Titanic!
Cool! Die Reise war total easy. Den einen Augenblick standen wir noch auf den Plattformen in diesem Labor und im nächsten sprangen vor unseren Augen irgendwelche Tiere davon. Wenn wir zurück sind, muss ich unbedingt checken, um was es sich dabei gehandelt haben mag. Wir waren von Büschen und Bäumen umgeben. Wahnsinn! Ich habe so etwas noch nie gesehen.

Der alte Mann, Marcus Dickson heißt er, glaube ich, hat dann auch gleich noch einen schlauen Spruch los gelassen: "Wer die Vergangenheit nicht vergessen kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Keine Ahnung, wer das vor ihm gesagt hat, aber der Alte wollte sich sowieso nur wichtig machen. Ich habe genau gesehen, wie er immer zu dieser Cindy rüber geschielt hat. Die Anderen waren doch ganz schön erleichtert, das konnte man richtig spüren. Naja, man reist ja auch nicht jeden Tag 200 Jahre rückwärts.

Jedenfalls hat unsere Reiseleiterin, diese Tess - die könnte mir übrigens auch gefallen - ganz schnell zum Aufbruch gedrängt, aber Mr. Quint, der Großkotz, musste unbedingt noch auf den Notfallknopf hinweisen. Ich habe dann gleich mal nachgesehen und tatsächlich, da ist so ein kleines rotes Knöpfchen an der Unterseite des Kommunikators. Ob ich aber im Ernstfall Zeit habe, danach zu suchen, weiß ich nicht so genau. Der Reiseleiterin war es sichtbar peinlich, dass sie vergessen hatte, uns über das Knöpfchen zu informieren, aber wir werden es doch sowieso nicht brauchen... hoffe ich wenigstens.

Cindy Ulrich, eine Chefsekretärin, wie sie uns während unserer Wanderung zum Hafen unter die Nase rieb, machte großes Aufheben um ihre Tasche. Hätte sie mal weniger einpacken sollen, aber ich glaube, sie ist so eine, die sich immer rausputzen muss. Ob die überhaupt weiß, was mit der Titanic passieren wird? Da lohnt es sich doch nicht, sich aufzudonnern, oder? Ich glaube jedenfalls, dass Cindy eigentlich nur erreichen wollte, dass Teddy ihre Tasche trug. Aber der sieht so aus, als wenn ihm das im Traum nicht einfallen würde. Dabei wich Cindy ihm die ganze Zeit über nicht von der Seite und ging ihm mit Fragen auf den Keks. Irgendwie tat mir der arme Kerl sogar richtig Leid.

Charlene hat sich tapfer gehalten. Klar, dass ich ihre Tasche für sie getragen habe - naja, wenigstens einige hundert Meter weit. Mr. Dickson hat anscheinend schnell gemerkt, dass er für Cindy nicht interessant ist. Also hat er umgeschwenkt und die Reisetasche der Geschäftsführerin getragen. Die passt auch viel besser zu ihm - schon altersmäßig.

Wir mussten ganz schön weit laufen, bis wir am Hafen ankamen. Aber ich fand es so klasse, diese Dinger zu sehen, die sie damals stolz als Automobile bezeichneten. Einige Leute saßen auch in sogenannten Kutschen (Tess hat mich ein wenig unter ihre Fittiche genommen und mir das erzählt), die von Pferden gezogen wurden. Oh Mann, bei manchen Leuten wusste ich ganz schnell, was das Wort "Snob" zu bedeuten hatte. Die Frauen unter riesigen Hüten, mit verkniffenen Gesichtern, meistens hatten sie auch noch Regenschirme aufgespannt.

Die Männer streckten die Brust raus - ob denen nie jemand gesagt hat, wie lächerlich das aussieht? und guckten wichtig aus der Wäsche. Im Kommandieren waren die einsame Spitze. Sie haben die Laufburschen hin und hergescheucht. Und ihre Koffer haben sie auch nicht selbst geschleppt.

Als wir dann endlich am Hafen angekommen waren, wurde es richtig spannend. Wir haben ganz schnell festgestellt, dass in der Ersten und Zweiten Klasse nichts mehr frei war. Schlecht organisiert, finde ich. Schließlich hat Histravel uns eine schöne Stange Geld abgeknöpft, da hätte ich eigentlich erwartet, dass ich nicht mit dem Pöbel reisen muss. Aber, es ist ja nur für ein paar Tage und bestimmt auch mal eine interessante Erfahrung. "Volksnähe" könnte man das nennen.

Das Schiff ist wirklich gigantisch, sogar für heutige Verhältnisse. So viel Luxus habe ich noch nie gesehen. Alles vom Feinsten - jedenfalls weiter oben. Auf dem Weg nach unten habe ich natürlich versucht, ein paar Blicke in die riesigen Säle zu werfen. Hey, das sah aus, wie in einem Luxushotel. Weiter unten ist es nicht mehr so prunkvoll und vor allem wesentlich voller als oben. Wenn ich mich hier umschaue, dann muss ich sagen, wir hatten ein riesiges Glück, dass wir alle noch ein Ticket ergattern konnten. Darüber werde ich mich bei Histravel beschweren, wenn wir zurück sind. Ich meine, was wäre denn passiert, wenn ich keine Fahrkarte mehr gekriegt hätte? Naja, das Schiff ist erst seit ein paar Stunden unterwegs, aber mir ist es unten viel zu eng geworden. Also habe ich mich an Deck begeben und aufs Wasser gestarrt. Charlene liegt unten auf einer Pritsche im Schlafsaal der Frauen. Ich glaube, sie wird nicht viel Spaß haben. Sie ist ja jetzt schon seekrank.

Mir tun die Finger weh vom vielen Schreiben. Ich würde wer-weiß-was dafür geben, wenn ich meinen Soundkristall hier hätte. Dem hätte ich einfach alles erzählt und schon wär's gut gewesen. Aber nein, wir dürfen ja kein Aufsehen erregen, sagen Tess und Teddy. Wo sind die Beiden überhaupt? Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit wir an Bord gegangen sind. Egal, ich höre jetzt mit Schreiben auf. Vielleicht mache ich morgen weiter.


Fortsetzung folgt....